Die Gebetszeiten (Horen)


I. Römisch-katholisch

Invitatorium (lat.: „Einladung“)

Das Invitatorium steht als Eröffnung stets vor der ersten Gebetszeit (Lesehore bzw. Matutin/Vigil oder Laudes) eines Tages. Es besteht aus dem Ruf „V/ Herr, öffne meine Lippen. R/ Damit mein Mund Dein Lob verkünde.“ sowie dem responsorisch vorgetragenen Psalm 95.


Lesehore

Sie kann zu jeder Tageszeit gefeiert werden und dient im Wesentlichen der geistlichen Vertiefung der Heiligen Schrift sowie der theologischen Überlieferung. Daher stehen diese Lesungen auch im Mittelpunkt; bei der theologischen Überlieferung wird gerne auf die sog. Väterlesungen zurückgegriffen, d. h. auf Werke früher Kirchenväter. Die Lesehore kann vor Hochfesten und Sonntagen zur Vigil erweitert werden, aus der sie historisch erwachsen ist.


Vigil (lat.: „Wache“)

Die Vigil, auch Matutin (eingedeutscht „Mette“) genannt, ist die erste Gebetszeit des liturgischen Tages. Sie wird in der Nacht oder am frühen Morgen verrichtet, in manchen Ordensgemeinschaften auch am Vorabend. Am Hochfest der Geburt des Herrn (Christmette) und dem Hochfest der Auferstehung des Herrn (Osternacht) wird die Vigil als Nachtwache gehalten. Die Osternacht ist für die Kirche die „Mutter aller Vigilien“.  Die vollständige Vigil wird heute nur noch von einigen monastischen Orden gebetet. Im Zuge der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils kann, je nach den Lebensumständen des Beters, die Lesehore des Stundenbuches, die zu einem beliebigen Zeitpunkt des Tages gebetet werden kann, an die Stelle der Vigil treten.


Laudes

Die Laudes bilden mit der Vesper die Angelpunkte des Stundengebetes.                       Die Laudes werden bei Tagesanbruch gehalten, da die aufgehende Sonne ein Symbol für Christus ist, dem mit den Laudes Lob dargebracht wird. Die Laudes werden üblicherweise zwischen 6 Uhr und 8 Uhr morgens gehalten. Sie bestehen aus Eröffnung, Hymnus, Morgen- und Lob-Psalmen, alttestamentlichem Canticum, Schriftlesung, Responsorium, Benedictus, Bitten, Vater unser, Tagesgebet und Segen. In den Bitten der Laudes wird in besonderer Weise für das gute Gelingen und die Heiligung des neuen Tages gebetet.


Prim, Terz, Sext, Non (kleine Horen)

Im Laufe des Tages soll die Arbeit drei Mal von den sogenannten kleinen Horen unterbrochen werden: zur dritten Stunde (ca. 9 Uhr) von der Terz, zur sechsten Stunde (ca. 12 Uhr) von der Sext und zur neunten Stunde (ca. 15 Uhr) von der Non. Im Stundengebet vieler Orden werden Terz, Sext und Non heutzutage zu einer Tageshore zusammengefasst.


Vesper

Die Vesper besteht aus Eröffnung, Hymnus, Psalmen, neutestamentlichem Canticum, Schriftlesung, Responsorium, Magnificat, Fürbitten, Vater unser, Tagesgebet und Segen. Ist die Vesper die letzte Hore des Tages, die in Gemeinschaft gebetet wird, wird meist eine Marianische Antiphon angefügt. Mit der Vesper endet die Arbeit des Tages. Gebetet wird sie etwa gegen 18 Uhr. Jeder Sonntag und jedes Hochfest (Ausnahme Ostern) beginnt am Vorabend mit der „ersten Vesper“, die schon zur Gebetszeit des Sonntages oder Hochfestes zählt.


Komplet

Die Komplet ist das Nachtgebet, mit dem der Tag beendet wird. Ihr geht in der Regel eine Gewissenserforschung mit dem nachfolgenden Schuldbekenntnis voraus. Die Komplet besteht aus einem Hymnus, Psalmen, der Kurzlesung, dem neutestamentlichen Gesang Nunc dimittis (Lk 2,29-32 EU), der Oration und dem Segen für die Nacht. Danach gilt in den monastischen Orden bis zum Morgen das nächtliche Stillschweigen.


II. Evangelisch

Das Evangelische Gesangbuch (1996) enthält heute vier klassische Tagzeitengebete, die den altkirchlich-gregorianischen Vorbildern folgen.                 Im evangelischen Bereich gibt es etliche Kommunitäten und geistliche Gemeinschaften, die eigene und zum Teil deutlich umfangreichere Formen des Stundengebetes pflegen. Diese sind von ihrer formalen Anlage her (Zahl der Gottesdienste, Verteilung über den Tag) in der Regel aus den altkirchlichen Mustern ableitbar. In ihrer inhaltlichen Gestaltung (Art der Musik, der Texte etc.) können sie dagegen sehr unterschiedlich sein und teils gregorianischen (Tagzeitenbuch der Michaelsbruderschaft oder Alpirsbacher Antiphonale), teils modernen musikalischen Formen folgen (etwa die Jesusbruderschaft Gnadenthal) oder der Ordnung von Taizé folgen.

Mette (bzw. Laudes, Morgengebet)

Nach dem liturgischen Eingang können ein bis drei Psalmen gesungen oder gesprochen werden. Es folgt eine Schriftlesung, ein Responsorium, der Hymnus und das Benedictus; Kyrie, Vater unser, Fürbittengebet, ein Morgengebet, der Lobpreisruf und der Segen schließen das Stundengebet.


Sext (Mittagsgebet)

Nach dem liturgischen Eingang wird ein Loblied (Hymnus) gesungen oder gesprochen. Es folgen ein Psalm und dann die Schriftlesung, danach ein Responsorium; Kyrie, Vater unser, ein Schlussgebet/Friedensbitte (Luthers „Verleih’ uns Frieden gnädiglich“), der Lobpreisruf und der Segen schließen das Stundengebet.


Vesper (Abendgebet)

Die Ordnung entspricht genau der der Mette, abgesehen davon, dass als neutestamentliches Canticum das Magnificat gesungen wird.


Komplet (Nachtgebet)

Nach der eröffnenden Lesung aus dem 1. Petrusbrief („Seid nüchtern und wacht!“, 1 Petr 5,8) folgt ein Sündenbekenntnis, erst danach die eigentliche liturgische Eröffnung. Es folgen die drei klassischen Komplet-Psalmen (Ps 4 Lut, Ps 91 Lut, Ps 134 Lut), der Hymnus, die Schriftlesung aus Jes 14 Lut, das Responsorium, das dritte Canticum (das Nunc dimittis). Der Gebetsteil besteht wiederum aus Kyrie, Vater unser und Schlussgebet; es folgen noch der Lobpreis und der Segen. .